RAINER SCHNURRE: „Künstlerische Biografie-Arbeit” im „RAUM für SOZIALKUNST”

„Goldstaub des Lebens“

Wir brauchen weitere Schritte im Umgang mit der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Ich möchte berichten von einer neuen Art der Biografie-Arbeit, die sich an Menschen richtet, die exakt biografisch forschen wollen. Die Herangehensweise ist deshalb eine eigenständige. Sie setzt kein Wissen voraus und besteht darin, mit wissenschaftlicher Exaktheit biografische Phänomene entdecken, lesen und beschreiben zu lernen.

Ich biete Biografie-Arbeit in der Reha-Klinik Schloß Hamborn an. Darüber hinaus wird in kontinuierlichen Gruppen gearbeitet, Einzelarbeit angeboten und ein wesentliches Anliegen ist mir der Ausbildungsbereich für angehende Biografie-Arbeiter. Ich biete dazu eine berufsbegleitende Ausbildung an.

Ich möchte hier eine grundsätzliche Frage zur Herangehensweise in der „künstlerischen Biografie-Arbeit auf anthroposophischer Grundlage aufwerfen. In der täglichen Praxis treffen mich immer wieder Grundfragen der Menschen, die Biografie-Arbeit machen wollen. Eine der häufigsten ist die: „Ich habe von den Sieben-Jahresrhythmen gehört und anderen Rhythmen. Können Sie uns einen Überblick geben?“ - Meine Antwort: „Ich kann, aber es gibt da einige Probleme. - So wichtig es ist, zu wissen, daß es diese Rhythmen gibt und wie sie aufeinander folgen, so wichtig ist es aber auch diese Rhythmen erst in der eigenen Biografie wirklich zu entdecken. Wenn nun zuerst diese Einführung stattfindet, sammelt sich eine Menge Information bei Ihnen an, ganz sicher aber kein erlebtes Wissen.

Rein aus den Phänomenen

Ein praktisches Beispiel: Ein Mann, Mitte Dreißig, bittet um biografische Einzelarbeit. Er befindet sich in einer Krise, wie er sagt und kann seine zentrale Frage stellen. Wir beginnen zu arbeiten, das heißt wöchentlich 1 ½ Stunden. - Nach einigen Treffen kommt er eines Tages völlig niedergeschlagen und beschreibt folgendes: „Ich habe mir einige Bücher über anthroposophische Biografie-Arbeit besorgt und begonnen die Beschreibungen der Jahrsiebente bei verschiedenen Autorinnen und Autoren zu lesen, auch deren Beschreibungen, welche Krise zu welchem Jahrsiebent gehören soll. - Da habe ich zu meiner Krise um 35, in der ich mich befinde, gelesen, was für Krisen um 42, um 49 Jahre und so weiter noch auf mich zukommen werden und da habe ich zu meiner heftigen Krise noch eine Krise dazu bekommen.“ - Es mag sich vielleicht lustig anhören, aber mir ist damals zugleich ein sehr ernster Aspekt aufgegangen, der meiner ganzen Arbeit eine unerwartete Kraftrichtung brachte. Von da an war ich mir sicher, daß meine Art der Herangehensweise in der Biografie-Arbeit eine grundlegende Sicherheit für die Menschen bot, die ich für unerläßlich erachte: Nämlich Biografie-Arbeit rein aus den Phänomenen zu entwickeln, ohne jedes zusätzliche Wissen. Und dabei auf eine energische Verlangsamung zu bauen, denn es gilt, jeden Forschungsschritt bewußt zu tun und nicht im Nebel der Vermutungen und Behauptungen herumzutappen.

Frei von Selbstverständnis werden

Darüber hinaus bedarf das Lesenlernen der Phänomene in der Biografie einer Basisschulung: Die Grundphänomene einer Biografie sind Erlebnisse. Der Mensch hat mehr Erlebnisse, als er zunächst erinnert. Die Biografie-Arbeit regt die Erinnerungskräfte an, solange an Erlebnissen gearbeitet wird. Ein Erlebnis ist ein Phänomen, das zunächst nicht erklärt werden kann. Ich kann nicht von vornherein wissen, was ich erleben werde, (selbst wenn es Ausnahmen gibt).

Auch nachdem ich ein Erlebnis hatte, kann ich zunächst nicht erklären, warum ich dieses erlebt habe, wie ich es erlebt habe. - Jedes Erlebnis ist, aus Sicht einer gewissenhaften Biografie-Arbeit, ein Rätsel. - Es geht in der Biografie-Arbeit um die Aufschlüsselung dieser Rätsel. Jedes erinnerte Erlebnis braucht, um entschlüsselt zu werden, zunächst eine Atmosphäre, in der alles „Selbstverständnis“ ausgelöscht ist, wirklich alles ... Es versteht sich gar nichts von selbst. - Das will erarbeitet werden.

Verzicht auf alles Werten und Urteilen

Hierzu ein Beispiel. Wir arbeiten mit einer inzwischen recht differenzierten Art des biografischen Schreibens. Durch das exakte Aufschreiben von reinen Erlebnissen bekommen wir Rohdiamanten in die Hand, wenn es mir gelingt, ein reines Erlebnis aufzuschreiben. Das ist zwar schnell gelernt, denn es müssen nur alle Vermutungen, Beurteilungen und Wertungen herausgelassen werden, nur muß ich sie erkennen und auch herauslassen wollen.

Alle Deutungen, Urteile und Wertungen dagegen gehören nicht zum Erlebnis, sondern sind nur Reaktionen oder Reflexionen auf das Erlebte. Dieses wirft lauter Schatten auf das, was eigentlich erhellt werden will. - Aber selbst wenn ich alles herausgelassen und einen schriftlichen Rohdiamanten gewonnen habe, so kann ich trotzdem wieder auf meine Urteile und Bewertungen zurückgreifen wollen. Mein Hang zu beurteilen und zu bewerten ist mir seit Jahrzehnten vertraut. Diese Gewöhnung, die meist schon unbewußte Abhängigkeit geworden ist, sitzt tief.

Ein Erlebnis

Hier lautete die Anregung: Schreiben Sie ein frühestes selbst erinnertes Erlebnis auf. Das Erlebnis: „Unser Vater fuhr mit seinem ersten eigenen Auto vor. Es durften so viele Kinder einsteigen, wie Sitzplätze vorhanden waren. Die anderen Kinder drängten hinein. Die Tür wurde zugeschlagen. Ich mußte draußen bleiben. Der Wagen fuhr weg.“ - Sofortige Hinzufügung derjenigen, die es erlebt hatte: „Das war ein traumatisches Erlebnis! - Ich erkenne jetzt Erlebnisse im späteren Leben, die sich ähnlich anfühlen.“ - Der letzte Satz weist auf ein Thema hin, ob es ein Lebensthema ist, wird sich erst noch zeigen.

Ich wagte jetzt etwas und erwiderte - aus Sicht der künstlerischen Biografie-Arbeit: „Es gibt keine traumatischen Erlebnisse. - Was es gibt, sind Erlebnisse, die ein Trauma hervorrufen können. Das Trauma ist eine Folge des Erlebten. - Das ist ein großer Unterschied.“

Dieses Erlebnis ist aber das Ich-Erlebnis des kleinen Kindes. Es beschreibt den Moment, da sich Ich und Welt, zum ersten Mal und für lange, getrennt haben. - Ich bin hier und da die anderen, das ist das Erlebnis.

„Wenn ich mich nicht scheue,
die sogenannten Dinge
zu befragen, erweitert sich alles.“

Vom Bildcharakter

Nun geht die Arbeit erst los. - Jedes Erlebnis hat seinen Bildcharakter. So wie das Erlebnis ein biografisches Urphänomen darstellt, so in einer anderen Sphäre auch sein Bildcharakter. - (Erinnerungen sind Bilder und keine Worte. Und erinnerte Worte sind im Sprachfluß „übergesetzte“ Bilder.) - Wer den Bildcharakter von Erlebnissen entschlüsseln kann, betritt den Vorhof zum Heiligtum, zwar nur den Vorhof, der Profanraum, zum Heiligtum. Und das goldene Tor, auch wenn es vorerst noch fest verschlossen und verriegelt bleibt, ist schon - im Bilde - zu schauen.

Der Bildcharakter biographischer Erlebnisse kann erstmalig latent durchscheinen, wenn ich das Erlebnis weiter befrage. Beispiel eines frühesten erinnerten Erlebnisses: „Ich sitze in einer Toreinfahrt auf einem Klappstühlchen und erwarte meine Großeltern.“

Dieses Bild gilt es zunächst innerlich zu schauen, in allen Einzelheiten. Dann Fragen der Annäherung: Was ist der in diesem Erlebnis? (Von dieser Antwort hängt viel ab, wenn eine Reihe von Erlebnissen zusammengeschaut wird.) Weitere Fragen: Was ist eine Toreinfahrt? Zum Beispiel eine Verbindung von einem Außen und einem Innen-(Hof). Was ist Sitzen? Zum Beispiel die Mitte zwischen stehen und liegen. Was ist Erwarten? Zum Beispiel das Dritte zu Weggehen und Hiersein.

Wenn ich mich nicht scheue, die sogenannten Dinge zu befragen, erweitert sich alles. Denn wenn ich frage: Was ist ein Haus?, kann ich alles sagen, nur nicht . So komme ich voran. Das ist eine Spur, die zum Bildcharakter führen kann. Es ist noch nicht das Bild dem Bild - aber ein Weg dorthin.

Nachdem das Erlebnis gründlich betrachtet und bearbeitet worden ist, erfolgt die Bearbeitung mehrerer durchgearbeiteter Erlebnisse zu bestimmten Themen und später Themengruppen, die sich, durch die bereits geleistete Vorarbeit, organisch zum Weit-Blick auf das Lebensthema hin eröffnen können.

Durchwaschen der Erlebnisse

Abschließend ein anderes Bild für diese Arbeitsweise an der Biografie: Ein Mensch steht im reißenden Gebirgsbach seines Lebens, der Strömung entgegen, ein feines großes Sieb in Händen, Sand und Steine werden hineingespült. Der Sand und die Steine werden aussortiert. Es bleiben feinster Goldstaub, die Erlebnisse zurück. - Mühsam, sehr mühsam sammelt der Mensch den Goldstaub der Erlebnisse. - Die Alten machten aus - in Bächen und Flüssen gewonnenem - Goldstaub Heilamulette, indem sie größere Mengen dieses so mühsam ausgewaschenen Goldstaubs zusammenpreßten und entsprechende Zeichen einprägten, die nicht der Willkür entsprangen, sondern höherem Wissen. Nur dieser so schwer zu gewinnende Goldstaub und die richtige Verarbeitung brachten die Heilwirkung hervor. Und die, die sie heilwirksam herstellen konnten, vollzogen einen innerlichen, einen seelisch-geistigen Um-Wandlungs-Prozeß, der sich dann im äußeren Werk, in der Heil-Amulett-Herstellung widerspiegelte. - Dem entspricht die Salutogenese in der Biografie-Arbeit, durch ein gründliches Goldwaschen, ein gründliches „Durchwaschen“ der Erlebnisse, in denen sich, wie in einem Tautropfen, Himmel und Erde und der Mensch, der ihn schaut, widerspiegeln.