RAINER SCHNURRE: „Künstlerische Biografie-Arbeit” im „RAUM für SOZIALKUNST”

Meine Berufs-Ethik

Präambel

1. Das Problembewusstsein

Es können die schönsten Worte, die edelsten Formulierungen aufgeschrieben werden, ohne dass sich der einzelne Mensch im praktischen Leben daran halten müsste. Damit erscheint das Grundproblem: die menschliche Freiheit.

2. Das Gewissen

Der freie Mensch wird sich keiner von außen an ihn herangetragenen ethischen Verhaltensweise unterwerfen. Der Impuls zu seinem eigenen ethisch-moralischen Handeln kommt aus seinem tiefsten Inneren. Diese innerste Instanz ist sein freies Gewissen. Insoweit der Mensch seine Gewissensfreiheit verwirklicht, bildet sie die Quelle seiner Würde.

3. Das Menschsein

Mit der Würde wird das Grundproblem der menschlichen Gleichheit berührt. Diese beruht auf der bedingungslosen gegenseitigen Anerkenntnis des Menschseins des jeweils Anderen.

Aber nicht jeder Mensch hat die gleichen Bedürfnisse. Damit wird ein Grundproblem des menschlichen Handelns, die Brücke zur Brüderlichkeit, angesprochen.

4. Die Frage

In der Brüderlichkeit hilft der Mensch dem Menschen, ohne Ansehen der Person. Sie fragt:

Wessen bedarfst Du? - Was kann Deine Not lindern? - Was fehlt Dir? - Das ist die Parzival-Frage.

Die Biografie-Beratung findet hier ihren Grund und Ausgangspunkt: Menschen zu begleiten in ihren grundlegenden Lebens-Fragen.

5. Die Individualität

Die Würdigung und Wertschätzung jedes Menschen in der Beratung, erscheint in der völligen Anerkennung seines So-Seins. Sie bildet die Grundhaltung des Beraters. Die Würdigung verwirklicht sich zuvorderst in der Wahrung der Freiheit des Anderen.

Dabei ist zu berücksichtigen: "Man hat in der Menschheitsentwickelung nicht das Recht, sich als Individualität zu fühlen, wenn man sich nicht zu gleicher Zeit als Angehöriger der ganzen Menschheit fühlt." [1]

6. Die Einzigartigkeit

Die menschliche Individualität ist die seelisch-geistige Wesenheit in ihrer unverwechselbaren Einzigartigkeit. - In der Biografie-Arbeit kann diese Wahrheit, die Wirklichkeit der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, erlebt und dadurch sogar bewiesen werden.

7. Das Menschenbild

Die Grundlage der Künstlerischen Biografie-Arbeit ist das geisteswissenschaftliche Menschenbild der Anthroposophie Rudolf Steiners, in der die menschliche Individualität als ein Wesen begründet wird, dass aus wiederholten Erdenleben kommend, in dieser Erdenverkörperung sein Schicksal erlebt, erleidet und zugleich auch frei gestalten kann. - Ich begleite und berate Menschen eine Zeitlang auf ihrem individuellen Lebens-Weg.

Vorrede zur Berufs-Ethischen Selbst-Verpflichtung

Zur Problematik eines solchen Textes

Wie müssen sich die Formulierungen, also die äußere Form, zum Inhaltlichen eines solchen Textes verhalten, wenn dieser wahrhaftig sein soll?

Das Grundproblem: Moralisch-Ethisches kann nicht durch ein Kollektiv, die Vielen oder eine Mehrheit bestimmt werden. - Daher kann es auch keine Abstimmung über ethisch-moralische Fragen geben. Das menschliche Gewissen ist individualisiert.

Die Freiheit des Einzelnen bedingt die Gewissensfreiheit. Heutzutage wird dadurch jeder mündige freie Mensch sein eigener Souverän. Er lässt sich seine moralisch-ethischen Ideale nicht mehr von außen diktieren, sondern schöpft sie eigenverantwortlich und damit souverän, aus seinem eigenen Inneren.

Zusammenfassung des Problems: Wenn es wahr ist, dass die ethisch-moralischen Grundsätze heute nur aus der Gewissensfreiheit des einzelnen Menschen erfließen, wie können dann überhaupt "allgemeinverbindliche" Grundsätze formuliert werden?

Wie müssten wirklichkeitsgemäße Formulierungen lauten? Sie dürften dann z.B. weder in der "wir-Form", noch in der "man-Form" verfasst werden. - Wie aber dann?

Wer die Freiheit der menschlichen Individualität und die mit ihr verbundene Gewissensfreiheit, die zugleich die Selbstverantwortung in Kraft setzt, wirklich ernst nimmt, müsste die Ich-Form wählen.

II. Berufs-Ethische Selbst-Verpflichtung im Verhältnis von Mensch zu Mensch

1. Freiheit des Anderen

Ich wahre uneingeschränkt die Freiheit des anderen Menschen, da mir seine Freiheit so wichtig ist wie die eigene.

2. Wahrhaftigkeit

Dabei ist mir bewusst, dass die Wahrhaftigkeit[2] die Grundlage der Freiheit bildet. Verstricke ich mich in Unwahrheiten, so erlischt auch die Freiheit zwischen uns.

3. Irrtum

Sollte ich einem Irrtum erliegen und werde ich über diesen aufgeklärt, so gebe ich meinen Irrtum rückhaltlos zu.

4. Grundhaltung

Meine Grundhaltung in der biographischen Beratung ist unvoreingenommen, unbefangen und von Wohlwollen getragen.

5. Schweigen

Ich schweige gewissenhaft über das, was mir in der Beratung anvertraut wird.[3]

6. Der Andere

In der Beratung befindet sich der ratsuchende Mensch im Zentrum meines Interesses. Ich will nichts für ihn und nichts für mich, sondern ich lasse mich von der ratsuchenden, der fragenden Seele des anderen Menschen leiten.

7. Das Gespräch

Ich bin mir bewusst, dass sich in der Beratung zunächst immer zwei Geistwesen begegnen, die sich im freien Gespräch finden wollen.

8. Distanz & Nähe

Ich bin mir bewusst, dass dabei wahre Nähe eine gesunde Distanz zwischen mir und dem ratsuchenden Menschen notwendig macht. - Denn erst eine gesunde Distanz schafft Nähe.

Spüre ich jedoch, dass ich diese Distanz nicht mehr souverän aufrecht erhalten kann, so gebe ich die Beratung sofort ab.

9. Verzicht

Ich verzichte in der Beratung auf: alles Vermutungen, alles Behauptungen, alle raschen Urteile, alles Theoretisieren, alles Verurteilen, alles Bewerten und vor allem auf alles Psychologisieren, um rein phänomenologisch[4] arbeiten zu können.

10. Ratlosigkeit

Wenn ich auf eine Frage des zu beratenden Menschen keine Antwort weiß, so bekenne ich mich frei dazu. Ich sage ihm, dass ich zunächst selber gründlich darüber nachdenken will.

11. Dienen

Ich will als freier Mensch dem ratsuchenden Menschen dienen. - Denn nur der freie Mensch kann dienen.

12. Der kürzeste Weg

Ich berate mich konzentriert mit der Klientin, dem Klienten, auf direktem und kürzestem Wege.

Ich habe keinerlei finanzielles Interesse die Beratung unnütz zu verlängern.

Außerdem bin ich jederzeit bereit die Beratung an fähigere KollegInnen und Fachleute weiter zu leiten, sobald ich unüberwindliche Grenzen meiner eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten erkenne.

13. Finanzen

Mein ehrliches Interesse gilt dem ratsuchenden Menschen. Ist mein Bestreben wahrhaftig, so wird früher oder später auch für einen finanziellen Ausgleich meiner Arbeit gesorgt werden.

14. Verantwortung

Die geistige Welt ist für mich eine Realität. Mir ist bewusst, dass ich genauso, wie ich dem ratsuchenden Menschen gegenüber verantwortlich bin, auch der geistigen Welt gegenüber mich zu verantworten haben werde.

III. Selbst-Verpflichtung zur Transparenz gegenüber dem ratsuchenden Menschen

1. Qualifikation

Ich schaffe Transparenz in Bezug auf meinen beruflichen Werdegang und meine menschlichen Qualifikationen.

2. Arbeitsweise

Ich schaffe Transparenz in Bezug auf meine Arbeitsweise innerhalb der Biografie-Arbeit und mache die Ratsuchenden darauf aufmerksam, dass es außer meiner, auch andere Arbeitsansätze in der Biografie-Arbeit gibt.

3. Klares Denken

Ich schaffe Transparenz innerhalb der biografischen Beratung, im Sinne eines klaren, nachvollzieh­baren, logischen Denkens, um die Freiheit des Anderen zu jeder Zeit wahren zu können.

4. Herangehensweise

Ich schaffe Transparenz über meine Herangehens- und Vorgehensweise auf dem gemeinsamen Erkenntnis- und Beratungsweg.

5. Spannungsfelder

Ich bin mir bewusst, dass ich mich in der biografischen Beratung immer in einem lebendigen Spannungsfeld befinde, das ich nicht auflösen kann. Vielmehr besteht meine Aufgabe u.a. darin, diese lebendige Spannung entspannt zu erleben, um sie da heraus kreativ gestalten zu können.

Bestimmte Spannungsfelder bestehen auf natürliche Weise, wie z.B. das zwischen gesunder Distanz und gleichzeitiger Nähe, zwischen meinem Auftrag und den Bedürfnissen des betroffenen Menschen oder zwischen meinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten oder zwischen notwendiger Ruhe und anstehenden Pflichten. U.s.w.

6. Möglichkeiten & Grenzen

Ich achte die Würde jedes Menschen mit dem ich, in Erfüllung meines beratenden Auftrags, zu tun habe. Ich beachte seine Möglichkeiten und Grenzen, wie auch sein Eingebundensein in familiäre, berufliche, gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Zusammenhänge.

Dabei bin ich mir der Gefahren bewusst, die sich aus der zunehmenden Nähe zu der Klientin, dem Klienten, ergeben können.

Ich begehe keinerlei Übergriffe, seien sie intellektueller, gefühlsmäßiger oder sexueller Art.

Ebenso vermeide ich Verhaltensweisen, die einer narzisstischen Bedürftigkeit entgegenkommen.

7. Authentizität

Ich verpflichte mich in meiner biografischen Beratungsarbeit zu größtmöglicher Echtheit (Authentizität), indem ich einen Zusammenklang finde zwischen meinem beruflichen Wissen und Können, meinen Handlungsmaximen und meiner eigenen Lebenspraxis.

IV. Selbst-Verpflichtung zu dauerhafter Selbst-Schulung

1. Selbsterkenntnis

Ich pflege kontinuierlich Selbsterkenntnis.

2. Selbstschulung

Durch meinen Gewinn an Selbsterkenntnis verpflichte ich mich zu beständiger Selbstschulung.

3. Studium

Ich pflege das fortlaufende Studium der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners.

4. Kontemplation

Ich übe ein kontemplatives und möglichst regelmäßiges meditatives Leben.

5. Fortbildung

Ich bilde mich beständig seelisch-geistig und beruflich fort.

6. Zusammenarbeit

Ich pflege die kollegiale Zusammenarbeit, auch und gerade dort,

wo sie sich als schwierig erweist.

7. Das Herz

Ich will niemandem wehe tun. - Ich will alles vergeben.



[1]Rudolf Steiner, Oxford, 28. August 1922, GA 305.

[2]Wahrhaftigkeit meint hier praktizierte Wahrheit.

[3]In Ausnahmen, wie z.B. beim kollegialen Austausch oder in der Intervision, verhülle ich das Private und Intime des Anderen so, dass der konkrete Mensch, von dem die Rede ist, auch nicht durch Rückschlüsse erkannt werden kann.

[4]Durch die phänomenologische Herangehensweise nehme ich mich selbst völlig zurück, lasse mich ganz von den Erlebnissen und Geschehnissen belehren. So werde ich zum freiwilligen Diener des ratsuchenden Menschen.

Denn ich weiß, dass das Leben weiser ist als ich. - Und in diesem Leben will ich lesen lernen.

Das Leben belehrt mich und nicht ich das Leben.